Pferd&Mensch

Pferde sind fest in unserem kollektiven Gedankengut verankert. Es gibt nur wenige grosse Völker, die sich nicht ihrer bedient hätten, oder deren Geschichten, Mythen und Vorstellungen nicht mit Pferden bereichert sind. Pferde ziehen den Sonnenwagen durchs Firmament, tragen weibliche und männliche Götter und Helden, fliegen als Fabelwesen durch die Lüfte und beleben Welten der Fantasie und Imagination zum Beispiel als Einhörner. 

Diese Bilder aus unserem Kulturkreis belegen den Stellenwert des Pferdes. Diese Vorstellungen zeigen auch die Verbindung des Wesens Pferd mit dem Himmel, also der ursprünglich geistigen Welt, welche das Reich der Ideen und unsichtbaren Welten ist. Ausserdem steht ein Pferd mit vier Hufen fest auf der Erde, lässt sein ganzes Gewicht von ihr tragen. Sein Kopf ist beim Grasen meist der Erde zugewandt, und Pferde grasen stundenlang! Die Wärme, die ihr massiger Körper verströmt, ihr Stampfen und stetiges Schreiten, das alles sind höchst irdische Qualitäten, die ein Pferd ausmachen.
Als Verkörperung dieser zwei Pole stellen die Pferde als Wesen sozusagen die Verbindung zwischen Himmel und Erde dar. Für jeden, der schon wahrgenommen hat, wie ein Pferd scheinbar schwerelos im Galopp oder Trab durch die Luft zu schweben scheint, und der schon das Gewicht eines solchen Tieres gesehen oder gefühlt hat, ist dieser Verbindungsaspekt unmittelbar einsichtig.

Eine solche Verbindung herzustellen ist in vielen entwicklungorientierten Disziplinen ein erklärtes Ziel, zum Beispiel auch in der chinesischen Bewegungslehre Tai Chi. Dort wird in diesem Verbinden der Sinn des Menschseins gesehen, dies steht für die eigentliche spirituelle Haltung. Es ist also nicht schwer zu verstehen, dass auch bei uns das Pferd eigentlich Symbol oder Verkörperung der Spiritualität darstellt. Durch die Auseinandersetzung mit dem Wesen Pferd wird also eine direkte Zugangsmöglichkeit zur eigenen Spiritualität geschaffen, dessen wir in der heutigen aufgeklärten Zeit immer mehr bedürfen. Dies ist meine persönliche Ansicht.

Neben den vielen Nutzungsmöglichkeiten, welche seit dem Kontakt Mensch – Pferd in der Frühzeit ergeben haben, hat sich der bewusst heilende oder fördernde Aspekt erst im letzten Jahrhundert durchgesetzt. Bis dahin hat der Mensch diese Beziehung fast ausschliesslich als materiellen Gewinn verstanden. Das Pferd hat ihm geholfen, sich zu ernähren, seine Arbeiten besser und schneller zu verrichten, seinen Ruhm zu vergrössern, und seine «Feinde» zu besiegen.
Mit der «Erfindung» des therapeutischen und des heilpädagogischen Reitens setzten sich humanistische Gedanken in der Mensch – Pferd Beziehung durch, sowohl was die KlientInnen angeht, als auch den Pferden gegenüber. Die Rolle des Pferdes als fördernder Beziehungspartner wird hier zum ersten mal als Unterschied zur eher untergeordneten Rolle in früheren Beziehungen ersichtlich.

Aber immer noch gilt: Der Mensch braucht das Pferd, nicht umgekehrt!

Pferdgestützte Interventionen

Es gibt diverse Massnahmen, die sich zur Förderung von Ressourcen oder zur gezielten Behandlung von situativ auftretenden Schwierigkeiten einsetzen lassen. Solche Schwierigkeiten können sich in unerwünschten Verhaltensmustern, systemischen Rollen, Krisensituationen, körperlichen oder geistig-seelischen Beeinträchtigungen, Befindlichkeitsstörungen, Kontakthemmungen, Burnouts und anderen Störungen der eigenen Persönlichkeitsentfaltung zeigen.
In der tiergestützen Arbeit wie ich sie verstehe wird versucht mittels Kontakt zum jeweiligen Tier eine Ausgangslage zu schaffen, in welcher in der Beziehung zum Tier ein Zugriff auf verschüttete Ressourcen möglich wird. Dies ist mit unterschiedlichen Tierbeziehungen zu verwirklichen, wobei die spezifischen Eigenschaften jeder Tierart eine besondere Rolle im therapeutisch orientierten Einsatz spielen.
In der Arbeit mit Pferden spielen viele verschiedene Eigenheiten dieser Tierart eine Rolle. Hauptsächlich aus der sozialen Bezogenheit des Herdentieres Pferd ist die sogenannte Reittherapie entwickelt worden, in welcher wir uns vor allem mit dem Beziehungsverhalten Mensch – Pferd auseinandersetzen. Hier versuche ich vor allem ein positiv wirkendes Klima zu schaffen, in welchem für den Klienten Entwicklungsschritte möglich werden.

Reittherapie

Das therapeutische Reiten oder die Reittherapie ist eine Disziplin, die sich zusammen mit dem heilpädagogischen Reiten aus dem sogenannten Behindertenreiten entwickelt hat. Sie findet vor allem im therapeutischen oder medizinischen Bereich ihren Einsatz. Die Grenzen zum (heil)pädagogischen Reiten waren und sind jedoch eher fliessend. (Klare Grenzen ergeben sich jedoch zum Bereich Hippotherapie K – dies ist eine Auspildung, welche Physiotherapie als Voraussetzung verlangt, und auf den physischen Aspekt spezialisiert ist.) Mit dem Durchbruch systemischen Denkens rücken diese ursprünglich zwei Disziplinen noch näher zusammen.
In der Reittherapie versuche ich mit Pferd und Mensch Situationen zuzulassen, die den Beteiligten eine Erfahrung verschiedenster Wahrnehmungen bietet. Dabei steht der Kontakt und die Beziehung zwischen Mensch und Tier im Zentrum der Bemühungen. Der Aufbau einer Kommunikation zwischen ihnen soll durch diese Situationen angepasst an die Möglichkeiten der einzelnen Partner unterstützt werden.
Natürlich spielen in diesem Setting auch milieutherapeutische Wirkungen mit. Der Aufenthalt in einem weitgehend naturbetonten Umfeld, oder gar in einer einsamen Landschaft hat sehr starke Auswirkungen auf Befindlichkeit, Verhalten und energetischen Zustand der KlientInnen. Wahrnehmung sowohl des Pferdes als auch des Umfeldes spielen so zusammen, und entfalten ein Klima, welches Entwicklung begünstigt.

Auch bewegungstherapeutische Aspekte werden wichtig, sowohl sofort ersichtlich im geführten Reiten als auch im Umgang mit dem Pferd am Boden. Das Tier versteht die unmittelbare Körpersprache des Menschen auf Anhieb, und oft noch bevor sich dieser selbst deren bewusst wird. So eignet es sich hervorragend dazu eigenes Verhalten im Spiegel zu betrachten. Ebenso ist beim (geführten) Reiten die Auseinandersetzung mit äusserem und innerem Gleichgewicht sehr wichtig.

Als Interventionen bieten sich im reittherapeutischen Alltag viele Massnahmen an, welche je nach Setting und Klientel zum Einsatz kommen. Meist wird es sich um eine Einzelbegleitung handeln, es ist aber auch denkbar zu zweit mit einem Pferd zu arbeiten. Es kann sich um eine reine Begegnung und den sich daraus ergebenden Handlungen und Wahrnehmungen handeln, oder um eine spezielle Tätigkeit. Es ist möglich mit dem Pferd am Boden zu arbeiten, es zu führen, es zu pflegen, wie auch auf dem Pferd zu sitzen, geführt zu werden, es zu reiten.